Der Wald - eine ganz besondere Welt

Mistel
Viscum album

 Bildquelle: Ernst Klett Verlag - MistelDie Mistel spielt eine große Rolle in Brauchtum, Volksglauben und Volksmedizin. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn sie verhält sich ganz anders als andere Blütenpflanzen.

Das fängt damit an, daß Misteln ganz oben leben, in den Wipfeln der Bäume. Dort sind sie an den Ästen festgewachsen. Wer es nicht besser weiß, verwechselt den kugeligen Strauch oft mit einem Nest oder einem krankhaften Auswuchs des Baumes. Besonders auffällig wird es im Winter an Laubbäumen, denn die Mistel ist ein immergrüner Busch, der sich dann vom kahlen Geäst abhebt.

Auch ihr Wuchs ist ungewöhnlich: buschig gedrungen, vielfach gabelig verästelt, mit gegenüberstehenden, ledrigen olivgrünen, nach vorn verbreiterten länglichen Blättern. Ihre Wurzel treibt sie in das Holz des Baumes. Dadurch hat sie sich fest verankert, zum anderen zapft sie auch die Leitungsbahnen ihres Wirts an und holt sich dort Wasser wie Nährsalze. Als immergrüne Pflanze verschafft sie sich jedoch den größten Teil ihrer organischen Nahrung mit Hilfe des Sonnenlichts - also der Photosynthese - selbst, so daß sie am Wirtsbaum keinen großen Schaden anrichtet. Biologen nennen solche Pflanzen "Halbschmarotzer".

Hierzulande gibt es drei Unterarten von Misteln. Eine lebt nur auf Weißtannen; sie kommt im Schwarzwald recht häufig vor. Die zweite mag nur Kiefern und ist sehr selten. Die dritte hat sich auf Laubbäume spezialisiert - besonders auf Weichholzarten wie Pappeln.

Wie kommt die Mistel eigentlich auf den Baum hinauf?

In den Gabelungen der Mistel zeigen sich im Frühjahr kleine, unauffällige Blüten - meist mit einer vierteiligen gelbgrünen Blütenhülle. Männliche und weibliche Blüten wachsen auf verschiedenen Pflanzen, die aber auf dem gleichen Baum zuhause sein können. Aus den weiblichen Blüten entwickeln sich im Lauf des Jahres glasigweiße Früchte. Die sind im Winter reif und enthalten dann schleimiges Fleisch mit einem oder manchmal zwei Samen. Diese Beeren werden mit Vorliebe von Misteldrosseln gefressen. Da die Samen unverdaulich sind, werden sie mit dem Kot ausgeschieden und fallen - sofern der Vogel gerade auf einem Baum sitzt - mit einigem Glück auf einen Ast. Dort beginnen sie zu keimen.

Eigentlich ist es ein Witz, daß gerade Vögel zur Verbreitung der Mistel nötig sind. Denn früher wurde aus den klebrigen Früchten Vogelleim hergestellt, mit dem dann Vogelfänger ihre Ruten einstrichen, um eben diese Vögel zu fangen. Schon die alten Römer hatten das erkannt; bei ihnen gab es einen Spruch: “Turdus ipse sibi cacat malum". Das heißt, vornehm übersetzt: "Die Drossel bereitet sich selbst Unheil".

Bei Galliern und Germanen galt die Mistel als heiliges Gewächs. Die Edda berichtet, daß der Wintergott Hodur, als er den Lichtgott Baldur umbrachte, einen Mistelspeer nahm. Bei den Germanen gab es kein Julfest - das etwa dem heutigen Weihnachten entsprach - ohne Mistel; sämtliche Festsäle waren damit ausgeschmückt. In England ist die Mistel immer noch der traditionelle Weihnachtsschmuck.

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